Interview on LP Witch is Witch (German)

Alix Dobkin & Monika Jaeckel tour Europe

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1) Witch Is Witch ist eine Verarbeitung von auch schwierigen Jahren in Form von Liedern: Wie manche Gedichte schreiben habe ich damals Lieder geschrieben. Die hatten mehr mit dem Alltag zu tun und sind weniger „Kampflieder“, wiewohl natürlich mit jedemenge Botschaften, wie es der Zeit entsprach. Barbara und ich kannten uns aus der Musikszene, waren aber kein Liebespaar. Als ich mal erwähnt habe, dass ich da einen Haufen Liedertexte rum liegen hätte, meinte sie, sie würde sich abends vorm Einschlafen Melodien einfallen lassen und hätte eine ganze Schublade davon. Da sagten wir: Schauen wir doch mal, ob sich das verbinden lässt… Es war für uns beide also quasi die Veröffentlichung eines „persönlichen Nachtkästchens“, wo die eine ihre Texte, die andere ihre Melodien verwahrt hatte.

… Mir ging es damals schon darum, auch die leiseren Töne anzuschlagen, das was auch ein wenig brüchig ist. Nach dem ganzen Programmatischen gab’s ja auch ein wenig Desillusionierung, Witch Is Witch ist auch in dem Sinne als Wortspiel gemeint: Was oder wer ist eigentlich eine Hexe ? So auch das Cover mit dem Spiegel, bei dem wir beide sozusagen ein Verwirrspiel darstellen: Wer ist wer? Was ist was im Feminismus? Aber im Nachhinein: So ganz treffgenau ist die Hexe als Bild eigentlich nicht gewesen.

… Ich hab in Frankfurt das erste Frauenzentrum mitbegründet, war in der Gruppe, die die Frauenoffensive, den ersten Frauenverlag, auf den Weg gebracht hatte, war Sängerin bei den Flying Lesbians, habe also von den Pionierzeiten und -projekten viel miterlebt. Will sagen: Für mich war es wichtig mit der Platte eine authentische Stimme aus einer bestimmten Zeit, eben der “Pionierzeit” zu haben, weil sich das alles auch immer weiterbewegte und es dann Diskussionen gab, wo ich das Gefühl hatte, da wird unsere Aufbruchsgeschichte getüncht oder verwässert. So galt dann für die ganze Platte: „Es muss noch mal gesagt werden“, und zwar aus einem bestimmten politischen Zusammenhang heraus, an dem ich auch mitgewirkt hatte.

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Der Musikjournalist Albrecht Koch schreibt in seinem Buch “Angriff auf’s Schlaraffenland. 20 Jahre deutschsprachige Popmusik”, Berlin 1987, S. 229f: Dennoch waren Unterrock und andere frauenbewegte Bands nicht der Meilenstein auf dem Marsch durch die Institution Rock. Möglicherweise hatte Nina Hagen 1978 in der großen, von den Frauenfesten ausgesperrten Öffentlichkeit mit einem “Auf’m Bahnhof Zoo” mehr für Lesbenliebe erreicht als alle Bands vom Schlage der Flying Lesbians oder Unterrock vor und nachher.”

2) Nina Hagen hatte natürlich eine größere Öffentlichkeitswirkung, das ist unbestreitbar. Ich sehe das so: Es gibt immer die Pioniere, auch in der Musik, das sind die, die das Eis brechen. Dann gibt’s ein Mainstreaming. Und im Mainstreaming kommt eine zweite Generation nach, die kann durch die Tür gehen, die durch die Pioniere geöffnet wurde und dann auch ‘ne größere Öffentlichkeit erreichen. So entwickeln sich immer Innovationen und soziale und kulturelle Bewegungen. Und wenn man jemanden findet, die so eine Prominenz entwickelt – und Nina Hagen ist ja auch eindeutig eine großartige Sängerin – und wenn die dann auch noch was Lesbisches singt, kann das auch eine sehr große Wirkung entfalten. Dass sie aber was Lesbisches singt, hat was mit den sozialen Bewegungen zu tun.

Das kann man sich ja heute kaum mehr vorstellen: Aber dass es so was wie Frauenfeste gab, war damals ein Skandal, dass Frauen gesagt haben: Wir feiern nur unter Frauen. Heutzutage ist das normal, aber damals brauchte es dazu richtig Pionierkraft, um das durchzusetzen. Pioniere machen so eine gesellschaftliche Innovation, und bereiten so den Boden vor, auf dessen Basis sich dann viel entwickelt und umsetzt und es auch größere Durchbrüche im Mainstream gibt, also ich seh’ das gar nicht so im Widerspruch, mehr im Kontinuum (lacht).