Kompetenzbilanz, Artikel fuers Bulletin

Integration beginnt im sozialen Nahraum – Neue Ansätze zur Familienbildung

Migration hat sich in Deutschland von der Arbeitsmigration immer stärker zu Familiennachzug und Heiratsmigration sowie zur Flüchtlingsmigration verschoben. Der Arbeitsmarkt kann deshalb nicht mehr als Ort der Orientierung und der Integration dienen. Die neue Heimat wird nun vorwiegend im sozialen Nahraum wahrgenommen: Im Stadtteil und in der Nachbarschaft, im Verwandtschafts- und Freundeskreis sowie in Schule und Kindergarten finden sich die zentralen Kontakt- und Berührungsflächen von Familien ausländischer Herkunft mit der Aufnahmegesellschaft. Das DJI-Projekt „Der soziale Nahraum in seiner Integrationsfunktion für Familien ausländischer Herkunft in Bayern – ein innovativer Familienbildungsansatz“ hat Integrationsansätze untersucht und konzeptionell weiterentwickelt.

Ausgangspunkt für die Projektförderung durch das bayerische Sozialministerium war ein seit zwanzig Jahren unverändert kritischer Befund zur sozialen Reichweite der Familienbildung: Sie ist durch eine dominierende Mittelschichtsorientierung gekennzeichnet, sie erreicht  – mit wenigen Ausnahmen innovativer Projekte – weder deutschsprachige Familien aus bildungsfernen Milieus noch, erst recht, Migrantenfamilien. Im Projekt wurden neue Ansätze von Familienbildung entwickelt, ausgehend von der alltäglichen Lebenswelt von Familien mit Migrationshintergrund. Erfasst wurden dazu sowohl die Sichtweisen der ZuwanderInnen (32 leitfadengestützte Interviews) als auch die Erfahrungen in Projekten und Einrichtungen (45 ExpertInneninterviews, Evaluation von Orientierungskursen).

Sprach- und Orientierungskurse spielen in der aktuellen Debatte zur Integration eine wichtige Rolle, gerade auch im Hinblick auf die Bildungsbenachteiligung der in Deutschland aufwachsenden Migrantenkinder und -jugendlichen. In den Interviews zeigt sich grundsätzlich eine hohe Motivation der ZuwanderInnen, Deutsch zu lernen. Hindernisse liegen nicht nur in Kursangeboten, die die TeilnehmerInnen über- oder unterfordern, oder in fehlender Kinderbetreuung. Eine grundlegende Voraussetzung ist vielmehr die Identifikation mit der diese Sprache sprechenden Gesellschaft und mit Lebensperspektiven in dieser Gesellschaft. Das Erlernen der deutschen Sprache setzt soziale Beziehungen und eine Alltagspraxis voraus, in der Deutsch gesprochen wird. Angebote in Kindergärten, Schulen oder Stadtteiltreffs wie „Deutsch sprechen beim Kochen“ oder „Deutsch sprechen mit Nachbarn“ können die Verbindung zum alltäglichen Leben von Eltern und Kindern herstellen.

Ein zentrales Moment von Integration liegt in den Möglichkeiten der Zugewanderten, sich in der neuen Heimat mit ihren Traditionen sowie mit ihren Fähigkeiten und Kompetenzen einzubringen. Um dies zu unterstützen, wurde das im DJI entwickelte Instrument der Kompetenzbilanz für die Zielgruppe MigrantInnen weiter ausdifferenziert. Ziel ist es, die im Rahmen von Ausbildungen und Tätigkeiten – auch in informellen Lernräumen – erworbenen Kompetenzen zu erkennen und nutzbar zu machen. Die Kompetenzbilanz arbeitet in vier Schritten:
1. Beschreiben – Reflexion biografischer Erfahrungen
In einem ersten Schritt werden biografische Erfahrungen und Lernfelder z.B. in Beruf und  Familie, Nachbarschaft und Ehrenamt reflektiert.
2. Erkennen von Fähigkeiten und Erfahrungen
Im zweiten Schritt wird erarbeitet, welche Fähigkeiten sich dabei ausgebildet haben, also z.B. organisatorische und pädagogische Erfahrungen, handwerkliche und musische Fähigkeiten oder Schlüsselqualifikationen wie Teamfähigkeit und Flexibilität.
3. Nachweis und Zertifizierung
Wie können diese Tätigkeiten und Fähigkeiten nachgewiesen werden? Soweit keine Zeugnisse oder Ausbildungsabschlüsse vorliegen, können z.B. persönliche Beurteilungen, Dokumente wie Fotos oder Briefe eine Rolle spielen.
4. Transfer in die Aufnahmegesellschaft
Im vierten Schritt werden die Möglichkeiten des Transfers in die Aufnahmegesellschaft ausgelotet. Hier verbindet sich Integrationspolitik mit Ideen zur Innovation des Arbeitsmarktes.

Erste Erfahrungen mit dem Einsatz der Kompetenzbilanz in Orientierungs- und Sprachkursen sowie in der Eltern- und Beratungsarbeit zeigten positive Resonanz. Die Kompetenzbilanz wird als willkommene Möglichkeit der Selbstreflexion erlebt, sie trifft auf hohe Motivation und wirkt ermutigend.

Monika Jaeckel, Wolfgang Erler

Projekt:  Der soziale Nahraum in seiner Integrationsfunktion für Familien ausländischer Herkunft in Bayern – ein innovativer Ansatz der Familienbildung
Laufzeit: Juli 2001 bis Dezember 2002
Auftraggeber: Bayerisches Staatsministerium für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen
Methoden: Leitfadengestützte Interviews mit MigrantInnen, ExpertInneninterviews, Evaluation von Orientierungskursen
Durchführung: Wolfgang Erler, Monika Jaeckel
Kontakt: Monika Jaeckel, Tel.: 089 6 23 06-254, E-mail: jaeckel@dji.de
Publikationen:
Wolfgang Erler, Monika Jaeckel: „Eigentlich sind wir hier schon das Vereinte Europa“ –Integration vor Ort gestalten – Handlungsmodelle für die nachhaltige Integration von Familien mit Migrationshintergrund in Kommune und Stadtteil, München 2003
Monika Jaeckel, Wolfgang Erler: Kompetenzbilanz für MigrantInnen – Checkliste zum Einschätzen der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. München 2003
Monika Jaeckel, Wolfgang Erler, Dr.Margret Spohn: Orientierung in München. Evaluation des Pilotprojektes „Orientierungskurse für Neuzuwanderinnen und Neuzuwanderer“. München 2003