Einführung Kompetenz Bilanz

Monika Jaeckel

Die Kompetenzbilanz als Methode in der Migrationsarbeit

In der Debatte um Migration und Integration hat sich die Zielvorstellung der ressourcenorientierten Arbeit in den letzten Jahren immer mehr durchgesetzt. Das markiert ein Umdenken weg vom immer noch häufig anzutreffenden herkömmlichen Denken, das primär an Defiziten, Hilfsbedürftigkeit und Gefährdungen ansetzt.
Bis heute ist aber in der Praxis oft nicht recht klar geworden: Wie setzt man Ressourcenorientierung um, was bedeutet sie in der Praxis?

Im Rahmen eines vom bayerischen Sozialministerium geförderten Projekts am DJI mit dem Titel: „Der soziale Nahraum in seiner Integrationsfunktion für Familien ausländischer Herkunft“ sind wir dieser Frage etwas genauer nachgegangen und haben in Zusammenarbeit mit vielen der hier anwesenden Trägern ein Instrument entwickelt,  bei dem es darum geht, Ressourcenorientierung in der Praxis umzusetzen.
Es handelt sich hierbei um die Kompetenzbilanz für Migrant/innen – eine Checkliste zum Einschätzen der eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten. Sie ist über das DJI (Abteilung Familienpolitik) zu beziehen.

In unseren Interviews mit Migranten und Migrantinnen schilderten unsere Gesprächspartner in zahlreichen Passagen und sehr eindrücklich, Frauen sowie Männer mit ganz unterschiedlichen Biografien, wie sie ihre Erwerbsarbeit in Deutschland als Sackgasse erleben, aus der es für sie aus Gründen des ökonomischen Überlebens kaum ein Entrinnen gibt. Ihre Fähigkeiten, ihre Interessen, oft auch ihre durchaus vorhandenen formalen Berufsqualifikationen werden hierzulande nicht anerkannt, können sie in Deutschland oft nicht einbringen. Notgedrungen lernen es die Betroffenen, sich auf die eine oder andere Weise mit dem Leben in einer solchen Sackgasse zu arrangieren. Aber sie bleiben dabei  häufig weit unter ihren biografischen Möglichkeiten, schöpfen auch aus ihrer persönlichen und familialen Sicht ihren Kompetenzrahmen und ihre ökonomischen Chancen nicht aus,  und können in der Folge häuftig für ihre Kinder nicht den sozialen, bildungs- und ökonomischen Lebensrahmen bieten, den sie eigentlich anstreben.

Aber auch aus der Sicht der Aufnahmegesellschaft ist ein solcher Sackgassen produzierender Umgang mit den Biografien von Zuwanderten ein Negativposten. Wenn die Fähigkeiten und Ressourcen von Zuwanderer/innen samt ihren Erfahrungen und Handlungsmotiven gesellschaftlich stärker zum Tragen kommen sollen, dann sind dafür Instrumente zur Identifizierung, zur Wertschätzung und Bewertung, zur Zertifizierung und schließlich zum gesellschaftlichen Transfer ihrer Fähigkeiten und Möglichkeiten in praktische Anwendungsfelder hier in Deutschland notwendig, und zwar im und auch jenseits des formalen Arbeitsmarkts.

Der Transport von Fähigkeiten und Wissensbeständen in gesellschaftlich anerkannte Handlungskompetenz muß durch Angebote des gemeinsamen Nachdenkens über mögliche Nutzungen der dargestellten und überdachten Fähigkeiten ermöglicht werden. Ohne solche Reflexions- und Dialogangebote und -möglichkeiten bleiben mitgebrachte Ressourcen von Migrant/innen unzugängliche, für die Aufnahmegesellschaft unerreichbar vergrabene Schätze.

Aus Fähigkeiten und Erfahrungen werden Kompetenzen, wenn ein Reflexionsrahmen hergestellt wird, in dem Menschen ihre biografischen Erfahrungen und Lernfelder überdenken und sich ihre Kompetenzen bewusst aneignen können. Hierzu braucht es den Schritt, sich die eigenen Tätigkeitsfelder und Lernräume zu vergegenwärtigen und ihre Ergebnisse und Nutzungsmöglichkeiten abzuschätzen.

Bei der Kompetenzbilanz, die wir in ersten Ansätzen im Rahmen des Münchner Pilotprojekts der muttersprachlichen Orientierungskurse erprobt haben handelt es sich um ein vielseitig einsetzbares Instrument. Zu den Anwendungsbereichen gehören neben Sprach- und Orientierungskursen z.B. Beratungseinrichtungen, Stadtteilinitiativen,  Mütter- und Familientreffs, Elternarbeit an Kindergarten und Schule, sowie Einrichtungen der Familienbildung.

Die Initiativen, Projekte und Institutionen, die mit ihr arbeiten, übernehmen mit ihrer begleitenden Rolle bei der Arbeit mit der Kompetenzbilanz eine Verantwortung dafür, dass die im Verlauf der Arbeit gewonnenen Einschätzungen, aber auch geweckte Erwartungen einer Art „Realitäts-Check“ unterworfen werden. Nicht alle Träume z.B. von einer selbständigen Handwerksfirma oder einer Laufbahn vom Hauptschüler zum Arzt lassen sich aufgrund intensiver Beschäftigung mit den eigenen Fähigkeiten auch verwirklichen. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Multiplikatoren für die Arbeit mit der Kompetenzbilanz die Rolle übernehmen müssten, die massive Abwehrfront, die deutsche rechtliche und gesellschaftliche (Spiel)regeln gegenüber einer Anerkennung der Kompetenzen von Zugewanderten errichten, zu verstärken oder zu legitimieren. Vielmehr ist die Perspektive der Anwendung der Kompetenzbilanz so angelegt, dass daraus auch innovative Impulse für das System der Institutionen in Deutschland ausgehen sollen, mit den Fähigkeiten, Interessen und dem lebendigen Potenzial der Zugewanderten in Zukunft nicht mehr abwertend-eindämmend, sondern pfleglich, anerkennend, wertschätzend und fördernd umzugehen – z.B. durch die Öffnung von Wegen in anerkannte Berufe, die bisherige Lebensleistung und Berufspraxis berücksichtigen aber auch durch die Entwicklung neuer gesellschaftlicher Anwendungsfelder, vor allem im sozialen Nahraum. Hier ist die Aufnahmegesellschaft mit einer aktivierenden und innovativen Zukunftsgestaltung gefragt.

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Im Wesentlichen handelt es sich bei der Kompetenzbilanz um vier Schritte: Beschreiben, Erkennen, Nachweisen, Transferieren.

* Beschreiben

Aus Fähigkeiten und Erfahrungen werden Kompetenzen, wenn ein Reflexionsraum und ein Reflexionsrahmen hergestellt wird, in denen Menschen ihre biografischen Erfahrungen und Lernfelder reflektieren und sich ihre Kompetenzen bewußt aneignen können.
Was habe ich in meinem Leben schon gemacht? In welchen Bereichen war ich  aktiv? Welche Ausbildungen und beruflichen Erfahrungen habe ich ? Habe ich in Familienbetrieben ausgeholfen oder auf dem grauen Arbeitsmarkt Nebenjobs gemacht? In welchen Bereichen außerhalb des Beruflichen habe ich  Erfahrungen: Z.B.  Familie, Nachbarschaft, Haus und Hof, Garten, Sportverein, Glaubensgemeinschaft, Ehrenämter,

* Erkennen

Vor allem was außerberufliche und außerschulische Lebensbereiche angeht, wird häufig übersehen, welche Fähigkeiten und Kompetenzen darin erworben werden.In der internationalen Diskussion geht man inzwischen davon aus, daß 70-80% des Kompetenzerwerbs sich aus informellen Lernzusammenhängen speist und daß auch beruflich verwertbare Handlungskompetenzen zu erheblichen Teilen außerhalb von Schule, Berufsausbildung und Beruf erworben werden.
Hier wird der Schritt wichtig, sich bewußt zu werden, welche Fähigkeiten und Schlüsselqualifikationen  sich bei Tätigkeiten in informellen Lebensbereichen ausbilden:

Was habe ich für Fähigkeiten aus meinen alltäglichen Tätigkeiten gewonnen? Wenn ich z.B. für Hochzeiten, Familienfeste, Feiertage gekocht habe oder auf die Kinder in der Nachbarschaft aufgepaßt habe, was habe ich dabei gelernt     (z.B. Gemeinschaftsfähigkeit, Organisationsfähigkeiten, Zeiteinteilen, Flexibilität, Geduld, pädagogische Fähigkeiten)

Wenn ich z.B. Freunden beim Renovieren geholfen habe, was ist     mir immer besonders gut gelungen, welche handwerklichen     Fähigkeiten habe ich da entwickelt?

Wenn ich z.B. Musik, Tanz, Sport oder andere Hobbies ausgeübt habe, welche Fertigkeiten habe ich dabei entwickelt? (Instrument spielen, Kreativ gestalten, Teamwork und Kooperation, Geschichten Erzählen, Gedichte schreiben)

Wenn ich z.B. meinen Großvater gepflegt habe, welche     Kenntnisse über Krankheiten, Heilen, Pflegen, Hausmittel habe ich dabei gesammelt?

Welche Fähigkeiten habe ich durch die Migration gewonnen?     (z.B. Fähigkeit Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven zu     sehen, mich in unterschiedlichen kulturellen Kontexten zu bewegen, Mut und die Fähigkeit neu anzufangen)

Welche schwierigen Situationen habe ich schon bewältigt und     was habe ich dabei gelernt? (Krankheit, Tod, Unfälle, materielle Rückschläge)

* Nachweisen

Aus biografischen formellen sowie informellen Lernfeldern werden Kompetenzen, wenn sie gesellschaftliche Anerkennung erfahren. Hierzu braucht es Instrumente der Sichtbarmachung und des Nachweises von in  formellen und in informellen Lernräumen erworbenen Fähigkeiten. Flüchtlinge haben oft keine Zeugnisse und Zertifikate mitbringen können, Ausbildungen und Abschlüsse aus anderen Ländern werden bei uns vielfach nicht anerkannt, Fähigkeiten aus informellen Lernzusammenhängen werden oft nicht als Kompetenzen wahrgenommen. Hier braucht es den Schritt, neue und kreative Formen des Nachweisens zu entwickeln.

Wie kann ich das was ich getan und das was ich dabei gelernt     habe dokumentieren? Habe ich noch Fotos, Filmaufnahmen,     Kassetten, Briefe, Erinnerungsstücke, Einladungsschreiben,     Tagebücher, Zeitungsartikel, Produkte, Gegenstände? Kenne ich jemand, der oder die mir eine Beurteilung schreiben, ein Zeugnis ausstellen oder eine Empfehlung schreiben könnte? Könnte ich oder auch jemand anderes ein Profil über meine Stärken und Schwächen erstellen? Kann ich Zitate und Aussprüche sammeln von Menschen, mit denen ich zusammengearbeitet habe, oder die meine Dienste und Fähigkeiten in Anspruch genommen haben?
Kann ich Lebensbereiche, Tätigkeiten und Erfahrungen aus der     Heimtat in Form von Zeichnungen, Berichten, Interviews oder     Kurzgeschichten aufzeichnen und festhalten?

* Transferieren

Aus Ressourcen werden Kompetenzen, wenn sie gesellschaftliche Anwendung finden, wenn sie im System der gesellschaftlichen Arbeit produktiv und praktisch werden können. Besonders hier ist auch die Aufnahmegesellschaft gefragt Der gemeinsamen Reflexion und Erarbeitung sowohl individueller als auch von Gruppen-Kompetenzbilanzen von Zuwanderern müssen sich Innovationsimpulse anschließen für die  Entwicklung von gesellschaftlich innovativen Anwendungsfeldern, namentlich im sozialen Nahraum.

Was will ich in Deutschland erreichen? Welche meiner     Fähigkeiten könnte ich auch in Deutschland einbringen ?Wohin     will ich mit dem, was ich in der Hand habe? Was kann ich     besonders gut? Was hat mich immer besonders angesprochen und     interessiert?, Wofür habe ich mich schon immer begeistern     können, womit beschäftige ich mich noch heute? Welche meiner Fähigkeiten sind in der deutschen Gesellschaft gefragt? Welche Bereiche und Tätigkeitsfelder ließen sich hierfür öffnen, welche neuen Projektideen ließen sich hier entwickeln (z.B. im Wohngebiet, in der Nachbarschaft, in Kindergarten und Schule, im Park, in Selbsthilfeinitiativen)?

Kann ich an meinen beruflichen Erfahrungen anknüpfen?
Gibt es Möglichkeiten der Anerkennung meiner Abschlüsse in     Deutschland?

Welche Schritte kann ich für diese Ziele einleiten?
Wo und wie kann ich mir hierfür Unterstützung holen?

Erfahrungen mit der Kompetenzbilanz

Aus den ersten Erfahrungen im Einsatz der Kompetenzbilanz, z.B. auch in den Orientierungskursen zeigt es sich,

* daß der Ansatz auf eine hohe Motivation trifft. Das Instrument wird erlebt als eine willkommene Möglichkeit der Selbstreflektion über eigene Prioritäten, Lebensziele sowie der eigenen Möglichkeiten und wirkt ermutigend und stärkend.

* Auch wurde eine große Reichweite von Fähigkeiten bei MigrantInnen sichtbar, von Erfahrungen in der Kinderbetreuung, der Altenpflege bis hin zu musischen Talenten und Fähigkeiten in Handwerk und Kunsthandwerk.

* In der Kontrastierung zwischen den Lebenserfahrungen im Herkunftsland und der jetzigen sozialen und Alltagssituation in Deutschland gewinnt ein regelrechtes Panorama an nicht aktiv genutzter Netwerkfähigkeiten, von Kontaktfreudigkeit, Hilfsbereitschaft und sozialem Engagement im Nahraum klare Konturen.

* Durch die Fragen der Kompetenzbilanz wird eine Reflexion über Wege der aktiven Selbstintegration in das Gemeinwesen vor Ort angestoßen. Wichtig ist es hierbei nicht nur nach den Fähigkeiten und biografischen Tätigkeitsfeldern , nach beruflichen und außerberuflichen Erfahrungen zu fragen, sondern auch nach den Herzenswünschen, nach den Lebensbereichen und Zukunftswünschen, in denen eine besondere Motivation vorhanden ist.

* Auffallend war, daß für viele Biographien eine Durchsetzungsfähigkeit und auch Konfliktfähigkeit kennzeichnend ist. Die TeilnehmerInnen haben oft aus eigener Kraft aus Notsituationen und schwierigen Lagen herausgefunden.

Die Kompetenzbilanz läßt sich einzeln oder auch in Gruppen einsetzen.
In einer ersten Phase zur Sammlung der Lebenserfahrungen haben sich Gruppen als sehr hilfreich erwiesen, da einzelnen Teilnehmerinnen eigene Erfahrungen und Kompetenzen deutlich werden, wenn sie hören, was andere zu berichten haben.
Die Einzelarbeit eignet sich bei der vertiefenden Analyse der Fähigkeiten, der Möglichkeiten des Nachweises, der Zusammenstellung des persönlichen “Portfolios“ sowie der Perspektiven der individuellen Umsetzung.
Vielfach wird es sich als sinnvoll erweisen, eine Mischung aus Gruppen- und Einzelarbeit anzubieten.

Es sollte mit beiden Arbeitsformen, der eigenständigen Einzelarbeit, sowie mit einem begleitenden Dialog gearbeitet werden, um sowohl aktivierende und unterstützende Elemente einzubeziehen, als auch die Transparenz und Identifizierung mit dem Prozeß und den Ergebnissen zu fördern, und schließlich den Prozeß der Erstellung der Kompetenzbilanz auch als eine Kompetenz fördernde und qualifizierende Maßnahme  nutzen zu können.
Fragen in Form eines Interviews gestellt zu bekommen eröffnet Denkräume und Perspektiven. Sich daheim die Fragen noch einmal anzuschauen kann die Selbstreflexion vertiefen.
Wie sieht ein schönes Portfolio aus?
Hier gibt es viele kreative Möglichkeiten. Es sollte nicht an Experimentierfreudigkeit und an gestalterischem Elan gespart werden. Ein Portfolio sollte auf alle Fälle Produkte aus allen vier Teilen der Kompetenzbilanz enthalten. Der Lebenslauf, eine Kompetenzübersicht, visuelle Elemente sowie Dokumentationen und Nachweise sollten nicht fehlen.

Aufgrund seiner innovativen Dimension  scheint es schließlich sehr wichtig, sich bei der Arbeit mit der Kompetenzbilanz mit anderen Trägern, Partnern und Multiplikatoren auszutauschen und zu vernetzen, um die notwendige Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit leisten zu können, die erforderlich erscheint, um dieses Instrument in die gegebenen Strukturen vor Ort einflechten zu können und um auch Partner aus der Wirtschaft , von Arbeitsvermittlungsstellen und aus der Arbeitsverwaltung zur Kooperation zu gewinnen.